Ferdinand Hodler (1853-1918), Lied aus der Ferne, 1. Fassung, 1906, Öl auf Leinwand, 140 x 120 cm, Erworben 1906, Detail

Hodler und die Kunst der Jahrhundertwende

Mit Ferdinand Hodler (1853-1918) erfährt die Schweizer Kunst um die Jahrhundertwende erstmals internationale Anerkennung. Sein Schaffen, das mit einer bedeutenden Werkgruppe vertreten ist, steht an der Schwelle zur Moderne. In diese Blütezeit nationaler Kunst gehören auch die Werke von Augusto Giacometti (1877-1947), Cuno Amiet (1868-1961) und Giovanni Giacometti (1868-1933). Ergänzt werden sie in der St.Galler Sammlung durch Bezüge zur europäischen Avantgarde, zu Edvard Munch (1863-1944), Max Liebermann (1847-1935) oder Lovis Corinth (1858-1925).

Ferdinand Hodler (1853-1918), Lied aus der Ferne, 1. Fassung, 1906, Öl auf Leinwand, 140 x 120 cm, Erworben 1906

Berühmtheit erlangte Ferdinand Hodler vor allem durch seine symbolistischen Figurenkompositionen, die mit der ersten Fassung von «Lied aus der Ferne» (1906) gültig vertreten sind – wie auch die frühen Genredarstellungen, die Landschaften, die Porträts und Selbstbildnisse oder die ergreifenden Bilder seiner Geliebten, der sterbenden Valentine Godé-Darel. In den monumentalen Figurenkompositionen verbindet sich die dekorative Arabeske mit einer inhaltlichen Überhöhung. Beeinflusst durch den Jugendstil, gestaltet Hodler die tiefenlose Bildfläche mit ornamentalen Mustern und lässt das strenge, von der Eurythmie bestimmte Linienspiel zum entscheidenden Träger von Emotion und allegorischer Bedeutung werden.

Ferdinand Hodler (1853-1918), Das Lauterbrunner Breithorn, 1. Fassung, 1911, Öl auf Leinwand, 70,5 x 76,5 cm, Dr. Max Kuhn-Stiftung 1972

Formal reduziert erscheinen die späten Landschaften wie das berühmte «Lauterbrunner Breithorn», dessen eindrückliche erste Fassung von 1911 sich zusammen mit einer erlesenen Landschaftsgruppe in St.Gallen befindet. Mit kräftigen Pinselstrichen baut sich die Tektonik des Felsenmassivs auf und gipfelt in einem wuchtigen Bergrücken, über den sich ein leuchtend-blauer Himmel wölbt: der Berg als Symbol der erhabenen Alpenlandschaft, der Himmel als Sinnbild des Universums.

Lovis Corinth (1858-1925), Selbstbildnis mit schwarzem Hut und Stock, Berlin, 1911, Öl auf Leinwand, 110 x 90 cm, Von der Ernst Schürpf-Stiftung erworben 1955

Die bohrende Selbstbefragung, die uns bei Hodler in einem späten Selbstbildnis (1917) entgegentritt, findet sich auch in einem Meisterwerk der deutschen Malerei, dem «Selbstbildnis mit schwarzem Hut und Stock» von Lovis Corinth aus dem Jahr 1911. Es zeigt den Künstler auf der Höhe seines Schaffens in dem Jahr, als er den Vorsitz der Berliner Sezession übernimmt. Selbstbewusst präsentiert er sich mit Spazierstock, eher den erfolgreichen Privatier als den Künstler mimend. Mit kräftigem Pinselstrich ist das Gesicht modelliert, während Kleidung und Hintergrund, grossflächig gemalt, die Aufmerksamkeit des Betrachters aufs Antlitz lenken. Mit Hodler, Corinth und Munch, dessen Porträt des St.Gallers Wilhelm Wartmann Eingang in die Sammlung gefunden hat, steht die Kunst am Beginn einer neuen Epoche – der Moderne.