Camille Corot: L'Odalisque, um 1871-73, Kunstmuseum St.Gallen und Kunstmuseum Basel

Provenienzforschung am Kunstmuseum St.Gallen

Es ist wesentlich die Aufgabe eines Museums als visuelles Archiv und als Ort der Erinnerung, die Geschichte hinter den ausgestellten Werken und auch die bleibende Sichtbarkeit von Gemälden selbst mit umstrittener Herkunft sicherzustellen. Betroffene Werke sollen öffentlich gezeigt und ihre Geschichte transparent gemacht werden. Die Richtlinien der Washingtoner Konferenz von 1998 in Bezug auf Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten konfisziert wurden, regeln international die Aufgaben und Pflichten der öffentlichen Museen im Zusammenhang mit geraubten Kunstwerken (Raubkunst). Das Kunstmuseum St. Gallen ist den Richtlinien des Washingtoner Abkommens wie jedes andere Museum in der Schweiz verpflichtet und setzt sich in diesem Sinne auch nachdrücklich für eine gütliche Regelung der Ansprüche ein.

Provenienzforschungsprojekt am Kunstmuseum 2017

Im Kunstmuseum St.Gallen befinden sich überwiegend Werke, die zum engeren kulturellen Erbe der Region und der Schweiz zu zählen sind und nie international gehandelt wurden. Oftmals fanden sie – seit der Mitte des 19. Jahrhunderts – direkt von den Künstlern den Weg in die Sammlung. International bedeutende Kunst dagegen gelangte fast ausschliesslich durch private Schenkungen ins Museum. Einen besonders gewichtigen Bestand stellt die Sturzeneggersche Gemäldesammlung dar. Sie wurde 1926 von Eduard Sturzenegger (1854–1932) der Stadt St.Gallen geschenkt, jedoch bis 1936 im Einverständnis des Donators von Dr. Walter Hugelshofer weitgehend umgestaltet. 

Das Kunstmuseum St.Gallen reagierte in Anbetracht der kritischen Zeit der Umformung dieser Sammlung umgehend und richtete seine Tätigkeit im Bereich der Aufarbeitung der historischen Bestände entsprechend aus. Die betreffenden Untersuchungen wurden von zwei unabhängigen Kunsthistorikern durchgeführt. Sie erforschten die Entwicklung der Sammlung aufgrund der Inventare von 1926, 1930, 1933 und 1937 sowie der Akten zur Reorganisation der Sturzeneggerschen Gemäldesammlung, die im Stadtarchiv St.Gallen vollständig erhalten sind. So konnte unter anderem der Tausch von Werken aus deutschem Museumsbesitz mit Gemälden aus der Sturzeneggerschen Gemäldesammlung weitgehend rekonstruiert werden. Die Ergebnisse dieser ersten umfassenden Recherchen zur Sturzeneggerschen Gemäldesammlung wurden 1998 in einem Sammlungsheft veröffentlicht. 

In der Zwischenzeit sind die Ansprüche an den Detailierungsgrad der Recherchen und die Breite der Abklärungen deutlich gestiegen. Es gilt daher, die Provenienzen der Werke der Sturzeneggerschen Gemäldesammlung sowie weiterer privater Stiftungen und Schenkungen in den Einzelheiten sorgfältig zu verfolgen.  

Das BAK hat dem Kunstmuseum St.Gallen zur Unterstützung der Recherchen mit Fokus auf allfälliger Raubkunst in seiner Sammlung rund CHF 90.000 zugesprochen. Der zur Verfügung gestellte Betrag wird 2017 dafür eingesetzt, mit Schwerpunkt die Akten zur Sturzeneggerschen Gemäldesammlung zu untersuchen und, aufgrund der inzwischen fortgeschrittenen Erkenntnisse, eventuelle Verdachtsfälle zu eruieren und möglichst zu klären. Die umfangreiche Forschungsarbeit wird mit Anfang 2017 aufgenommen.

Die Ergebnisse der Recherchen wird das Kunstmuseum St.Gallen nach Abschluss seiner Untersuchungen entsprechend der Vereinbarung mit dem BAK digital zugänglich machen. 

Zur Schenkung Dauberville / Nathan an das Kunstmuseum St.Gallen und das Kunstmuseum Basel

Zur Herkunft des Gemäldes Thunersee mit Stockhornkette von Ferdinand Hodler