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Vom Spätmittelalter zur Renaissance:
eine neue Weltsicht

Im Spätmittelalter beginnt die Kunst, sich vermehrt der diesseitigen Welt zuzuwenden. Zeugnisse dieser Entwicklung sind die stolzen Bürgerporträts, aber auch die Aufmerksamkeit, die der Darstellung der Natur zukommt, wie sie etwa in der Druckgraphik von Albrecht Dürer (1471-1528) sichtbar wird.

 


Bartholomäus Bruyn der Ältere, (1493–1555)
Bildnis des Balthasar von Kerpen, um 1538
Öl auf Eichenholz, 83 x 58,5 cm
Schenkung der Albert Koechlin Stiftung, 2002

 

«Bildnis des Balthasar von Kerpen»: Das Porträt, entstanden um 1535, ist ein Hauptwerk von Barthel Bruyn (1493–1555), dem führenden Renais­sance-Meister in Köln. Der porträtierte Kaufmann gehörte zu den angesehenen Patriziern der Reichsstadt. Die gediegene Kleidung verrät seinen Status: Über einem Hemd mit fein gekräuseltem Kragen trägt er einen Mantel, dessen Pelzbesatz breit über die Schultern fällt. In seiner Linken hält er ein Paar weisser Handschuhe, während die Rechte auf einer steinernen Balustrade ruht. Neben seinem Kopf prangt das vornehme Lilienwappen der Familie. Barthel Bruyn erweist sich als Meister in der Wiedergabe der Gesichtszüge seines Modells, aber auch in der subtilen Darstellung charakterlicher Eigenschaften: Ernst und Würde, Entschlossenheit und Tatkraft. Dieses bedeutende Gemälde fand 2002 als Schenkung der Albert Koechlin Stiftung Eingang in die St.Galler Sammlung.

 


Herri met de Bles (1510-1555)
Der Weg zum Kalvarienberg, um 1540
Öl auf Eichenholz, 57 x 72 cm
Schenkung der Albert Koechlin Stiftung, 1999

 

Etwa zur selben Zeit, um 1540, schuf der flämische Maler Herri met de Bles (ca. 1510-1555) den spektakulären «Weg zum Kalvarienberg». Im Zentrum der symmetrisch aufgebauten Komposition erhebt sich ein bizarrer, von Bäumen bestandener Felsen aus welligem Gelände. Darin eingebettet ist die auf mittelalterlichen Vorbildern basierende simultane Darstellung des Auszugs aus Jerusalem, des Kreuzweges und der Kreuzigung. Den Schmerzensweg und das Leiden Christi übersetzt der Künstler in eine dramatische Wolkenstruktur mit scharfen Hell-Dunkel-Kontrasten, während das himmlische Jerusalem im Hintergrund Erlösung verspricht. «Der Weg zum Kalvarienberg» steht in der Nachfolge von Joachim Patenir, der als erster nordischer Künstler sogenannte Überschaulandschaften malte. Ist beim «Kalvarienberg» die Wiedergabe von Details «realistisch», so erscheint der Typus der «Weltlandschaft» in seiner Gesamterscheinung ausgesprochen artifiziell, in seiner Stimmung von geradezu imaginärer Qualität.

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