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Malerei im 19. Jahrhundert: Romantik - Realismus

Dank der 1926 der Stadt St.Gallen vermachten Sturzeneggerschen Gemäldesammlung und weiterer Legate und Schenkungen kann das Kunstmuseum St.Gallen entscheidende Eckpunkte der französischen und deutschen Malerei des 19. Jahrhunderts präsentieren: Delacroix’ Romantik, Courbets Realismus, Corots Pleinairmalerei, Spitzwegs Idyllen, die Deutsch-Römer mit Meisterwerken von Böcklin und Feuerbach, den Impressionismus, vertreten durch Monet, Pissarro, Sisley und Renoir, den Symbolismus bei Redon.

 


Andreas Renatus Högger (1808-1854)
Der Watzmann, 1832
Öl auf Leinwand 40,5 : 50 cm
Schenkung des Kaufmännischen Directoriums

 

«Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.» Mit diesen Worten erfasste der Dichter Novalis die Romantik. Ins Bild gesetzt wird diese Sehnsucht nach dem Unendlichen im Gemälde «Der Watzmann» (1832) von Andreas Renatus Högger (1808-1854). Wie kein anderer Berg hat der Watzmann das romantische Naturempfinden angeregt - auch beim damals jungen St. Galler Künstler, der die Gemälde und Zeichnungen von Joseph Anton Koch (1768-1839), Ferdinand Olivier (1785-1841) und Karl Blechen (1798-1840) mit einer umfangreichen Werkgruppe ergänzt. Flankiert von ansteigenden Hügelzügen türmt sich der Berg hinter einer sanften Landschaftsszene bedrohlich auf: Er erscheint entrückt und wird in seiner sublimen Erhabenheit erfahrbar.

 


Eugène Delacroix (1798-1863)
Löwenjagd, um 1861
Öl auf Leinwand, 34,5 x 47 cm
Vermächtnis Emma Lina Hendel, 1999

 

Mit Eugène Delacroix (1798-1863) bezieht die französische Romantik eine Gegenposition zum klassizistischen Ideal, indem die Malerei nicht mehr aus der zeichnerischen Form, sondern aus der Farbe entwickelt wird. In der frühen «Anbetung der Könige» (1830), einer von Delacroix’ zahlreichen Kopien nach Rubens, sind die Binnenflächen pastos modelliert. Die Dynamik des Farbauftrages zeigt sich in der späten «Löwenjagd»– einer Variante zum 1861 entstandenen Gemälde im Art Institute of Chicago – noch gesteigert und in eine bewegte Komposition übersetzt. Der Kampf zwischen Mensch und Tier ist eine der existentiellen Metaphern der Romantik, eine exotische Projektion als bildnerischer Gegenentwurf der Intensität, Leidenschaft und Ursprünglichkeit vor dem Hintergrund der frühen Industrialisierung in Europa.

 


Camille Corot (1796-1875)
Bei Riva am Gardasee, 1834
Öl auf Leinwand, 29 x 41 cm
Sturzeneggersche Gemäldesammlung, 1936

 

Parallel zu Delacroix’ Neuerungen erfolgte die Auflösung der akademischen Regeln auch in der Darstellung der Landschaft, die im Schaffen von Camille Corot (1796-1875), dem bedeutendsten Freilichtmaler seiner Generation in Frankreich, einen künstlerischen Höhepunkt fand. 1834 schuf er auf einer Italienreise die Aussicht aus einer engen Felsbucht «Bei Riva am Gardasee». In knapp gefasstem Bildausschnitt entfaltet das morgendliche Licht ein sanftes Spiel auf der ruhigen Wasserfläche und über dem Bergrücken. Die Frische und Unmittelbarkeit des «realistischen» Blicks auf die Wirklichkeit offenbart sich in seinen Werken ebenso wie in jenen der weiteren Künstler der sogenannten Ecole de Barbizon – Théodore Rousseau (1812-1867) oder Charles-François Daubigny (1817-1878) -, die in der St.Galler Sammlung mit charakteristischen Gemälden vertreten sind.

 


Gustave Courbet (1819-1877)
Juralandschaft bei Ornans, um 1851
Öl auf Leinwand, 54 x 65 cm
Sturzeneggersche Gemäldesammlung, 1937

 

Gustave Courbet (1819-1877), der grosse Realist in der Kunst des 19. Jahrhunderts, war mit den Barbizon-Malern freundschaftlich verbunden. Seine künstlerischen Ambitionen gingen allerdings über die Landschaftsmalerei hinaus. Ähnlich wie Jean-François Millet (1814-1874) stellte er in repräsentativen Grossformaten zeitgenössische Arbeiter dar. Was zuweilen als «peinture socialiste» tituliert wurde, bezeichnete er selbst als «Realismus». Sogar seine menschenleeren Landschaften wie die von mächtigen Bäumen locker bestandene «Juralandschaft bei Ornans» (um 1851) in der Franche-Comté, seiner Heimat, galten ihm als Sinnbilder einer regionalen Autonomie gegenüber der Pariser Zentralgewalt im politischen und einer individuellen Unabhängigkeit vom akademischen Diktat im künstlerischen Sinn. Als Mitglied der Commune flüchtete er 1873 ins Exil in die Schweiz, wo das eindrückliche späte Werk «Genfersee» (1876) mit einer fast irreal-dramatischen Farbstimmung entstand.

 


Carl Spitzweg (1808-1885)
Bergschlucht mit badenden Frauen, um 1868
Öl auf Leinwand, 78 x 64,5 cm
Sturzeneggersche Gemäldesammlung, 1926

 

Mit den künstlerischen Entwicklungen in Frankreich vertraut war auch der oft als Idyllenmaler belächelte Münchner Spätromantiker Carl Spitzweg (1808-1885), von dem das Kunstmuseum St.Gallen ein in der Schweiz einmaliges Ensemble von insgesamt acht Gemälden beherbergt, darunter das Meisterwerk «Bergschlucht mit badenden Frauen» (um 1868). Zwei Frauen sind gerade im Begriff, sich zu entkleiden, als eine Dritte störend dazustösst - während der Betrachter als Voyeur die idyllische Szene gleichsam von ausserhalb des Bildes mitverfolgen darf. Was das Gemälde so aussergewöhnlich macht, ist jedoch weniger die frivole Anekdote als die Raffinesse der malerischen Umsetzung von Licht und Schatten auf der Felswand sowie die gewagten Rot-Blau-Akzente. Solche malerische Freiheiten verdeutlichen Spitzwegs intensive Beschäftigung mit der französischen Freilichtmalerei.

Von der in der Sammlung gültig repräsentierten Münchner Schule beeinflusst waren im 19. Jahrhundert auch eine Reihe von Schweizer Künstlern: Johann Gottfried Steffan (1815-1905), Otto Frölicher (1840-1890) und Adolf Stäbli (1842-1901), oder auch der in St.Gallen tätige Gottlieb Emil Rittmeyer (1820-1904), dessen «Stubete auf Alp Sol» (1865) als sein Hauptwerk gilt.

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