Olaf Nicolai: Zabriskie Point, 2010, courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin, 2018, ProLitteris, Zürich

Olaf Nicolai

That’s a God-forsaken place; but it’s beautiful, isn’t it?

7. Juli - 11. November 2018, LOK

Olaf Nicolais (*1962 Halle an der Saale) Arbeiten waren in zahlreichen internationalen Ausstellungen von der documenta bis zur Biennale di Venezia präsent. Die Landschaft, eines der komplexesten Themen in der Geschichte der Kunst, stellt ein Leitmotiv im Werk von Olaf Nicolai dar. Für die Lokremise St.Gallen hat er ein begehbares Environment konzipiert, das ebenso Wüste wie Mondlandschaft sein könnte – darauf spielt das titelgebende Zitat an, ein Satz, den der US-amerikanische Astronaut Charles «Pete» Conrad Jr. am 18.11.1969 bei seinem Aufenthalt auf dem Mond äusserte. Nicolai lässt eine karge, utopische Landschaft entstehen, in der sich vielfache Bezugsebenen überlagern und verdichten. Zentral für die Arbeit sind die Verschiebungen im Verhältnis von Körper, Raum und Bewegung sowie vor allem auch die auf diese Weise evozierten Imaginationen.

Mit enzyklopädischer Aufmerksamkeit umkreist Olaf Nicolai verschiedene wissenschaftliche und literarische Felder, benutzt historische, politische und philosophische Elemente und entwickelt Werke in einer technisch und stilistisch neuartigen Sprache. Der Ausgangspunkt der Schau in St.Gallen ist die scheinbar triviale Tatsache, dass wir in unserer Wahrnehmung nicht einfach mit Natur konfrontiert sind, sondern unsere Wahrnehmung immer schon durch medialisierte Beziehungen vermittelt ist.

Nicolais Installation in der Lokremise besteht vor allem aus Sand, einem unverfestigten Sediment also, das sich unter wechselnden klimatischen Bedingungen zu einer Landschaft in Bewegung formiert. Dabei kommen geologische ebenso wie geopolitische Bezüge ins Spiel; zu denken ist außerdem an Michel Foucaults Begriff der Heterotopie: Foucault hat den Begriff in den späten 1960er Jahren lanciert, um damit transitorische Orte an den Rändern der Gesellschaft zu beschreiben, in denen die gesellschaftliche Ordnung sowohl repräsentiert als auch bestritten und unterminiert wird.

Nicolais karge Landschaft rückt damit als ein mehrdeutiger Ort in den Blick, der im Kontext des aktuellen gesellschaftlichen Wandels zu verstehen ist und zugleich das Imaginationspotential des Betrachters in Gang setzt. 

Das Entree zur Ausstellung bildet die Arbeit „Zabriskie Point“, eine fotografische Serie, die mit scharfem Blitzlicht bei Nacht am gleichnamigen Ort im US-amerikanischen Death Valley aufgenommen wurde. Die Fotos dokumentieren einen nächtlichen, fast einstündigen Spaziergang durch jene Landschaft, in der Michelangelo Antonionis gleichnamiger Film von 1970 utopische Szenen freier Liebe wie Traumsequenzen inszeniert.

Wenn die Besucher ihren Spaziergang durch die Landschaft in der Lokremise beginnen, können sie einen handgroßen Meteoriten an sich nehmen. Es ist dieses kleine extra-terrestrische Objekt, das in „Visitor, be my guest“ – so der Titel der Arbeit – die Relationen zu Umwelt und Environment in eine andere Perspektive rückt.

Ein weiteres Element der Installation bilden bisher unpublizierte Texte des Kaliforniers Simeon Wade, der im Juni 1975 zusammen mit Michel Foucault das Death Valley besuchte. Passagen aus Texten von Wade über diesen Aufenthalt, u.a. ein Interview mit Foucault, stehen im Zusammenhang mit einer besonderen Erfahrung: Foucault nahm zusammen mit Wade und dessen Freund erstmalig LSD zu sich, und zwar an eben dem symbolträchtigen „Zabriskie Point“.

Eine Fortsetzung findet Nicolais Ausstellung im Kunstmuseum St.Gallen. Tropfenförmige Objekte aus durchsichtigem Glas, vereinzelt auch in der Lokremise zu finden, sind hier auf dem Boden verschiedener Ausstellungsräume verteilt. Als optisches Instrument, das den umgebenden Raum in einem einzigen Punkt konzentriert und bündelt, eröffnen die Glastropfen ein reflexives Vexierspiel über das wechselseitige Verhältnis von Vereinzelung und Zugehörigkeit, von Nähe und Distanz. Auf subtile Weise verklammert die Arbeit „Echo“ die Koordinaten von Raum und Landschaft mit der Person – sowohl dem Besucher als auch dem Künstler, denn das Gesamtvolumen aller Glastropfen entspricht dem Körpervolumen Nicolais.

Die Schau That’s a God-forsaken place; but it’s beautiful, isn’t it? in der Kunstzone der Lokremise in St.Gallen läuft parallel mit zwei anderen Ausstellungen von Olaf Nicolai in der Kunsthalle Bielefeld (15.Juni – 9.September 2018) und der Kunsthalle Wien (13. Juli – 7.Oktober 2018). Gemeinsam geben die drei Ausstellungen eine Übersicht über das facettenreiche Werk des Künstlers und spiegeln seine interdisziplinären Konzepte der letzten zwanzig Jahre wider. In Bielefeld rückt die Architektur der Kunsthalle von Philipp Johnson in den Mittelpunkt der Schau, wie auch in St.Gallen, geht es hier um Nähe und Distanz, Einschluss und Ausschluss. In der Kunsthalle Wien stellt Nicolai Fragen der „Methode“ im Zentrum – einer Praxis, die nicht nur seine künstlerische Arbeitsweise bestimmt, sondern die zugleich auch selbst Werk-Charakter annimmt.

Während alle drei Ausstellungen unterschiedliche Facetten von Nicolais Schaffen untersuchen und so die interdisziplinären Konzepte des Künstlers der vergangenen zwanzig Jahre retrospektiv reflektieren, versammelt die Präsentation in St.Gallen sowohl bestehende als auch neue Arbeiten im Sinne einer künstlerischen Werkentwicklung in einem ortspezifischen Setting.

Im Rahmen der Ausstellungen entsteht ein gemeinsamer Katalog der drei Institutionen.

Kurator: Lorenzo Benedetti

 

 

Der Künstler

Foto: Hans-Günther Kaufmann, München
Foto: Hans-Günther Kaufmann, München

Olaf Nicolai

*1962 in Halle / Saale
lebt und arbeitet in Berlin

Impressionen