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Mit Anne Marie Jehle rückt eine Künstlerin ins Zentrum, deren Werk seiner Zeit voraus war und lange zu wenig Beachtung fand. Die Ausstellung zeigt die radikale Bandbreite ihres Schaffens - von Skulptur und Installation bis zu Fotografie, Malerei und Text - und eröffnet einen neuen Blick auf ihre präzise Analyse von Macht, Geschlechterrollen und gesellschaftlicher Inszenierung.
Ausstellungsansicht: Anne Marie Jehle, Jeder Spiesser ein Diktator, 2024, Foto: Sebastian Stadler
Jehles Arbeiten beziehen ihre Schärfe aus der Nähe zum Alltag und aus der Entschlossenheit, mit der sie dessen Ordnungen unterwandern. Haushaltsobjekte, Sprache, Sexualität, Körperbilder und persönliche Erfahrung werden bei ihr nicht illustrativ eingesetzt, sondern in präzise künstlerische Setzungen überführt. Das Private erscheint dabei keineswegs als Rückzugsraum, sondern als Schauplatz gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Ein Schlüsselort ihres Werks ist das Elternhaus in Feldkirch, das Atelier, Archiv und Refugium zugleich war und dessen eigentümliche Mischung aus Geborgenheit und Beklemmung sich durch viele Arbeiten zieht. Die Ausstellung macht ausserdem sichtbar, mit welcher Ironie und formalen Freiheit Jehle auf die männerdominierte Kunstwelt reagierte. Dass sie sich Mitte der 1980er-Jahre aus der Öffentlichkeit zurückzog und Haus wie Atelier versiegelte, verleiht ihrem Werk im Rückblick eine zusätzliche Dringlichkeit.
Impressionen
Ausstellungsansicht: Anne Marie Jehle, Jeder Spiesser ein Diktator, 2024, Foto: Sebastian Stadler
Ausstellungsansicht: Anne Marie Jehle, Jeder Spiesser ein Diktator, 2024, Foto: Sebastian Stadler
Ausstellungsansicht: Anne Marie Jehle, Jeder Spiesser ein Diktator, 2024, Foto: Sebastian Stadler
Ausstellungsansicht: Anne Marie Jehle, Jeder Spiesser ein Diktator, 2024, Foto: Sebastian Stadler
Ausstellungsansicht: Anne Marie Jehle, Jeder Spiesser ein Diktator, 2024, Foto: Sebastian Stadler
Die Künstlerin
Anne Marie Jehle
Anne Marie Jehle wurde 1937 in Feldkirch geboren und verband feministische Kritik, subtile Komik und mediale Offenheit zu einer Kunst, die persönliche Erfahrung stets als gesellschaftlich codiert begriff. Ihr Werk steht in einer Linie mit der feministischen Avantgarde und verschaffte ihr in den 1970-Jahren internationale Präsenz. Die künstlerische Selbstermächtigung stellt sie in den Kontext von radikalen Bildhauerinnen wie Louise Bourgeois (1911–2010) oder Alina Szapocznikow (1926–1973) Inspiration fand Jehle auch in den Kunstströmungen Neo-Dada, Fluxus, Happening und Konzeptkunst. Subversive Kritik an genderspezifischen Machtstrukturen durchziehen ihr künstlerisches Werk. Sie ironisierte und parodierte gleichermassen widersprüchliche Rollenmuster im Privaten wie im Globalen. Die männerdominierte Kunstwelt überführte sie brilliant und mit süffisantem Humor. Aktiv war sie bis zum Zeitpunkt, als sie ihr Leben als Künstlerin aufgab: Mitte der 1980er-Jahren zog sie sich aus der Kunstöffentlichkeit zurück. Als radikalen, letzten Akt versiegelte sie ihr Wohn- und Atelierhaus, reiste 1989 in die USA und lebte bis 1993 an der Ostküste. Danach kehrte sie aus den USA zurück und lebte bis zu ihrem Tod im Jahr 2000 in Liechtenstein. Wie die amerikanische Konzept- und Performance-Künstlerin Lee Lozano (1930–1999) wendete sie sich entschieden von der Kunstwelt ab, um erst nach ihrem Tod wiederentdeckt zu werden.