Archiv

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Sammlungsfieber

Sammlungsfieber
Dauerausstellung
Stadtpark

Mit Sammlungsfieber präsentiert das Kunstmuseum St.Gallen eine neue, mehrjährige Präsentation seiner Sammlung. Die Ausstellung erzählt die Geschichte des Museums nicht als lineare Chronologie, sondern als vielschichtige Erzählung über Sammeln, Besitz, Kunsthandel, private Leidenschaft und lokale Textilgeschichte. Entlang der drei grossen Textilepochen – Leinwand, Baumwolle und Stickerei – wird sichtbar, wie eng Kunst, Kapital und die Entwicklung der Stadt St.Gallen miteinander verbunden sind.

Kuratiert von Melanie Bühler, Laura Feurle, Dorothee Haarer, Gianni Jetzer und Lorenz Wiederkehr

Ausstellungsansicht Sammlungsfieber, Foto: Stefan Rohner

Ausstellungsansicht: Sammlungsfieber, Foto: Stefan Rohner. Hier: Zur Entstehung des Museums – die museale Sammlung entsteht und erhält einen Ort

Den Auftakt bildet eine neue Arbeit von Mathias C. Pfund. Sie nimmt Bezug auf das erste bekannte Objekt der städtischen Sammlung: ein ausgestopftes Krokodil, das der St.Galler Kaufmann Daniel Studer 1623 der Stiftsbibliothek schenkte. Pfunds Installation fragt danach, welche Dinge als wertvoll gelten, wie Luxus und Exotik gesammelt werden und welche Bedeutungen solche Objekte im Museum bis heute behalten.

Das Sammeln selbst ist der rote Faden der Ausstellung. Von mittelalterlichen Kirchenschätzen und Kunst- und Wunderkammern führt der Parcours zum freien Kunstmarkt des 17. Jahrhunderts, zu öffentlichen Museen, privaten Sammlungen, Schenkungen und Vermächtnissen. Immer wieder zeigt Sammlungsfieber, dass Sammlungen nicht neutral entstehen, sondern von Geschmack, Macht, Geld, Begehren und Zufall geprägt sind.

Ein frühes Kapitel widmet sich Reformation, Bildersturm und den wenigen erhaltenen mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Werken aus der Region. Mit Albrecht Dürer tritt zugleich ein Künstler hervor, der über Druckgrafik neue Märkte erschloss. Flämische Malerei, Porträts, barocke Werke und niederländische Genrebilder zeigen danach, wie sich Kunstproduktion, Auftraggeberschaft und Sammelpraxis in Europa veränderten.

Die St.Galler Textilgeschichte bildet den materiellen Hintergrund der Ausstellung. Leinwand, Baumwolle und Stickerei stehen für wirtschaftliche Blüte, internationale Handelsbeziehungen und kulturellen Austausch – aber auch für Ausbeutung, harte Arbeitsbedingungen und koloniale Verflechtungen. Die Ausstellung verbindet diese Geschichte mit Werken vom 15. bis ins 20. Jahrhundert und macht sichtbar, wie stark lokale Geschichte und globale Zusammenhänge ineinandergreifen.

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Thomas van Asphoven (Antwerpen 1622-1664/65 Antwerpen), Kunstkammer mit dem Maler David Teniers vor der Staffelei, 1651

Im 19. Jahrhundert entsteht in St.Gallen eine organisierte Kunstszene. Der 1827 gegründete Kunstverein, die Ortsbürgergemeinde und der Reichtum der Stickereizeit tragen wesentlich zur Gründung des Museums bei, dessen Gebäude 1877 eröffnet wird. Textilunternehmer, Mäzene und Sammler*innen prägen den Bestand: Eduard Sturzenegger schenkt dem Museum eine umfangreiche Gemäldesammlung, Emma Lina Hendel bringt bedeutende französische Meister wie Monet, Sisley, Renoir und Degas nach St.Gallen.

Ein eigenes Kapitel gilt der Bauernmalerei aus Appenzell und Toggenburg. Unter Rudolf Hanhart wurde sie als sammlungswürdige Kunst anerkannt und in Beziehung zur Moderne gesetzt. Damit stellt die Ausstellung auch die Frage, wie Museen Kategorien wie «Volkskunst», «Ursprünglichkeit» oder «Avantgarde» bilden – und wie solche Zuschreibungen heute neu gelesen werden können.

Nach 1945 öffnet sich St.Gallen zunehmend der internationalen Moderne. Der Neubau der HSG setzt mit Kunst am Bau ein starkes Zeichen, während Sammlungen wie jene von Erna und Curt Burgauer oder Marguerite Arp-Hagenbach Werke von Klee, Picasso, Nevelson, Warhol, Sophie Taeuber-Arp und Hans Arp in die Nähe des Museums bringen. Eine Schlüsselrolle spielt die Erker-Galerie, die seit 1958 internationale Avantgarden nach St.Gallen vermittelt – darunter Antoni Tàpies und Serge Poliakoff.

Den Abschluss bilden Aufbrüche der 1970er- und 1980er-Jahre: expressive Gesten, ambivalente Geschlechterbilder und Do-it-yourself-Strategien. Josef Felix Müller, Urs Lüthi, Walter Pfeiffer, Manon, Fischli/Weiss, Pipilotti Rist und Muda Mathis stehen für eine Kunst, die Körper, Identität, Alltag, Medien und Humor neu verhandelt. So zeigt Sammlungsfieber die Sammlung nicht als abgeschlossene Geschichte, sondern als lebendiges Archiv – offen für neue Fragen, neue Perspektiven und neue Lesarten.

Impressionen

Ausstellungsansicht: Sammlungsfieber, Kunstmuseum St.Gallen, Foto: Sebastian Stadler

Ausstellungsansicht: Sammlungsfieber, Kunstmuseum St.Gallen, Foto: Sebastian Stadler. Hier: Kriegstrauma und Meditation – Antoni Tàpies und Serge Poliakoff

Ausstellungsansicht: Sammlungsfieber, Kunstmuseum St.Gallen, Foto: Sebastian Stadler

Ausstellungsansicht: Sammlungsfieber, Kunstmuseum St.Gallen, Foto: Sebastian Stadler. Hier: Porträtmalerei – Adel und reiche Bürger*innen verewigen sich in der Kunst

Ausstellungsansicht: Sammlungsfieber, Kunstmuseum St.Gallen, Foto: Sebastian Stadler

Ausstellungsansicht: Sammlungsfieber, Kunstmuseum St.Gallen, Foto: Sebastian Stadler. Im Vordergrund: Bethan Huws (*1961 Bangor), Table of Feathers, 2007

Ausstellungsansicht: Sammlungsfieber, Foto: Stefan Rohner

Ausstellungsansicht: Sammlungsfieber, Foto: Stefan Rohner. Hier: Neue Sammler*innen wollen neue Bilder – die niederländische kunst des 17. Jahrhunderts

Ausstellungsansicht: Sammlungsfieber, Kunstmuseum St.Gallen, Foto: Sebastian Stadler

Ausstellungsansicht: Sammlungsfieber, Kunstmuseum St.Gallen, Foto: Sebastian Stadler. Hier: Bauernmalerei – vom Sammeln des „Ursprünglichen“

Ausstellungsansicht: Sammlungsfieber, Kunstmuseum St.Gallen, Foto: Sebastian Stadler

Ausstellungsansicht: Sammlungsfieber, Kunstmuseum St.Gallen, Foto: Sebastian Stadler. Hier: Das Wiedererwecken der Moderne – Sophie Taeuber-Arp und Hans Arp

Ausstellungsansicht: Sammlungsfieber, Kunstmuseum St.Gallen, Foto: Sebastian Stadler

Ausstellungsansicht: Sammlungsfieber, Kunstmuseum St.Gallen, Foto: Sebastian Stadler. Hier: Expressive Gesten

Ausstellungsansicht: Sammlungsfieber, Kunstmuseum St.Gallen, Foto: Sebastian Stadler

Ausstellungsansicht: Sammlungsfieber, Kunstmuseum St.Gallen, Foto: Sebastian Stadler. Hier: Ambivalente Geschlechterbilder