Metamorphosis Overdrive

Camille Blatrix, Timothée Calame, Rä di Martino, Simon Dybbroe Møller, Guan Xiao, Yngve Holen, Diego Perrone, Ilona Ruegg

7. März - 20. September 2020, Kunstmuseum

 

Transformationen von Maschinen und Werkzeugen spielen in unserer kollektiven Vorstellungswelt eine zentrale Rolle. Die Ausstellung Metamorphosis Overdrive untersucht die Veränderungen und Verwandlungen von alltäglichen Dingen und technischen Formen und deren Bedeutung in der gegenwärtigen Zeit. Die künstlerischen Positionen befragen singuläre Objekte auf ihren eigentlichen Darstellungswert und analysieren die neuen Grenzen der Skulptur aus der Perspektive der Technik und der Wahrnehmung.

Die Ausstellung vereinigt Werke von acht Kunstschaffenden und lässt sie eine Verwandlung von absurden Formenanordnungen zu eigenartig vertrauten Arrangements vollziehen. Sie stehen für eine prototypische Ästhetik der Skulptur, in der alltägliche Formen zu visionären Objekten werden. Die Präsentation untersucht die Obsession der Konsumgesellschaft für Objekte, hinterfragt deren Anziehungskraft und deckt deren Frustrationspotenzial auf. Die Dynamik von Anziehung und Abstossung ist den Werken der Ausstellung inhärent. Während die Konsumgüterindustrie die Obsoleszenz absichtlich einbaut, um den Konsum anzukurbeln, ist diese in der Kunst nicht negativ konnotiert und spielt eine tragende Rolle. Trotz ihrer kühlen Ästhetik und der standardisierten, industriellen Erscheinung etablieren die Werke eine emotionale und poetische Beziehung zu den Betrachtenden.

Kurator: Lorenzo Benedetti

Künstlerinnen und Künstler

*1984 Frankreich
Lebt und arbeitet in Paris

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*1991 in Genf
Lebt und arbeitet in Marseille

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*1975 in Rom

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*1976 in Aarhus, Dänemark
Lebt und arbeitet in Berlin

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*1983 in Chongqing Province, China
Lebt und arbeitet in Beijing

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*1982 in Braunschweig, Deutschland
Lebt und arbeitet in Berlin

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*1970 in Asti, Italien
Lebt und arbeitet in Asti und Mailand

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* 1949 in Rapperswil
Lebt und arbeitet in Zürich.

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Impressionen

AKTUELLE INFO ANLÄSSLICH CORONA-VIRUS (STAND: 9.7.2020)

Ab dem 6. Juni finden wieder Veranstaltungen statt (siehe unten). Hierbei wird auf die geltenden Abstandsregeln geachtet.
Ihr Team des Kunstmuseums St.Gallen

Interview mit Ilona Ruegg

Lorenzo Benedetti: Die Arbeit Equation of Loss wurde zuerst in Tschechien durchgeführt. Wie kam es zu diesem Projekt?


Ilona Ruegg: Die Arbeit ist während eines Symposiums in der Form eines künstlerischen Laboratoriums entstanden. Die Idee war, dass die Kunstschaffenden in Litomysl einer kleinen Stadt zwischen Prag und Brünn, in der Bedřich Smetana geboren wurde, vor Ort ein Werk realisieren würden. Adam Budak leitete das Symposium mit dem Titel why this world, der von Clarice Lispector stammt, einer bedeutenden brasilianischen Schriftstellerin (1920-1977). Ihre Texte, bildeten ein Beziehungsfeld zwischen den sieben Kunstschaffenden. Clarice war die achte Teilnehmerin, als literarische Präsenz und gleichzeitig als Abwesenheit.

Gastgeber war Martin Kubik, der Galerist, der das Symposium und die anschließende Ausstellung beauftragt hatte. Da er auch Eigentümer einer  Supermarktkette war, dachte ich an eine mögliche Ökonomie, in der es um eine Verschiebung aus der Produktion des Geldgebers in meine Arbeit hinein geben würde. Wir waren durch unsere Wünsche, Produktionen und auch durch Prozesse der Wertschöpfung in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis. Supermärkte unterliegen unvorhersehbaren Schwankungen, und schaffen kontinuierlich Kontaktpunkte zu Menschen, nicht unähnlich wie im Kunstkontext. Mich interessierte, diese Verknüpfungen produktiv zu halten. 

Die ausrangierten Dinge, die noch eine Funktion hätten einnehmen können, fand ich in den Lagerhallen der Firma. Ihr technischer und industrieller Aspekt schien immer noch vielversprechend und gleichzeitig enttäuscht von ihrem aufgegebenen Zustand. Ich entschied mich für je zwei identische Objekte, Kassenlaufbänder, Lifttüren, Gitterwände und viele leere Papier-Kassenrollen. Mich interessierte, wie ich den Dingen ihre eingeschriebene Funktion und Bedeutung nehmen konnte und sie auf eine Weise leer machen würde für neue ökonomische Verhältnisse. Ich suchte ein Operationsfeld, wie eine Gleichung zu organisieren und neue plastische Relationen herzustellen, in denen Steigen und Fallen eine Rolle spielen. Equation of Loss faltet möglicherweise den ständigen Aufstieg und Fall von Wertschöpfungen und Wertvorstellungen des Menschen ein.

LB: Für die Ausstellung Metamorphosis Overdrive ist die Anordnung der gleichen Elemente völlig anders als in der ersten Version. Und aus der Version im Kunstmuseum St.Gallen wurden andere Ideen und Bilder dieses Werks generiert. Zentral scheint der Aspekt der Differenz und Wiederholung in Bezug auf die Natur dieses Werks im Dialog mit unterschiedlichen Kontexten. Bezieht sich diese Reihe von Veränderungen hauptsächlich auf diese Arbeit oder ist das in Ihrer Arbeit immer so?


IR: Der Raum, der für eine neue Version interessant erschien, ist ein architektonisch komplexer schmaler Durchgang, in dem drei grosse Stützpfeiler zusammen mit der Zugangsrampe zur Ausstellung hin Nischen bilden. Es war eine Herausforderung, dieselben Elemente mit diesem Raum zu verschränkten. Ich wollte die Autonomie des Raumes und auch die der eingeführten Objekte erreichen, eine Gleichung, an der beide teilhaben würden. Die Variation von Equation of Loss im Kunstmuseum knüpft an einen weniger spezifischen Kontext an als in Litomysl in den Galerieräumen direkt über dem Supermarkt. Hier spielen noch klarer mehrere Bedeutungsebenen, sind vielleicht auch abstrakter und kaum zu entkoppeln von der räumlichen Situation. Sie stehen in einer Spannung zwischen der Horizontalen und der Vertikalen.

In meiner künstlerischen Praxis generieren Arbeiten manchmal eine zweite oder dritte Variante. Dieser Prozess ist weder beliebig noch endlos. Es gibt dann zwingende Gründe, wie z.B. eine neue räumliche Situation und der damit verbundene Kontext; oder auch sich verändernde gesellschaftliche Fragen. Es ist als ob ich einen Satz noch einmal sagen müsste, aber anders, ich redigiere seine Plastizität. Da die Teile lose sind, lassen sie sich «grammatikalisch» umstellen, sodass eine neue Dynamik entsteht.

Die Wiederholung schafft ein neues Moment, das die Differenzen aktiv hält und auch künftige Möglichkeiten nicht ausschliesst. Latente Zustände haben mich immer interessiert, sie bergen ein grosses Potenzial. Manche Arbeiten haben einen performativen Charakter; die physische Grundlage ihrer Plastizität sind verschiebbare Objekte, die neue Relationen eingehen. Dieser Prozess einer Metamorphose, muss nicht unbedingt abgeschlossen werden. Wenn ein Werk in eine Sammlung geht, sind auch dort Mutationen möglich.

Gegenwärtig habe ich eine neue Transformation begonnen. Durch die Schliessung des Museums ergab sich eine Art Frühlingsschlaf. Ich begann in dieser Zeit Equation of Loss zu fotografieren, ohne den Überblick bewahren zu wollen. Mein fotografischer Blick ist ein abtastender, eine Art Scannen im Raum mit sehr grosser Nähe bis zur Unschärfe, aber auch ein Fragmentieren, sodass die einzelnen Objekte verloren gehen. Es ist als ob ihre körperliche Präsenz keine Grenze zwischen Innen und Aussen kennt, der Ort verloren geht und die Ordnung der Dinge nicht mehr ihrer ursprünglichen Form gehorcht. Mich interessiert die Spannung zwischen Oberfläche und Tiefe, diese Flachheit, die verwirrt und Volumen testet. Ich mache eine Erfahrung des Unbekannten und zugleich dringe ich tiefer in die mir bekannte Materie ein. - Es entsteht gerade eine neue Arbeit, eine Verschiebung ins Medium Fotografie, die auch ausserhalb der skulpturalen Volumen stehen kann.

LB: In diesen Zeiten der Prekarität scheint Equation of Loss in der Beziehung zwischen soliden Elementen und prekären Gleichgewichten noch wichtiger zu sein. Eine Art Metapher dafür, wie riesige globale Wirtschafts- und Sozialsysteme in Wirklichkeit äusserst zerbrechlich sind und sich schlagartig verändern können. Wie würdest du deine Arbeit diesbezüglich kontextualisieren?


IR: Es ist interessant, wie sich die Bedeutung von Arbeiten, ohne thematisch intendiert gewesen zu sein, mit Aktualität aufladen kann. Dies ist bei vielen Arbeiten in der Ausstellung der Fall. Vielleicht sind die Künstlerinnen und der Künstler, den sich überstürzenden Ereignissen schon einen Schritt voraus, indem sie sich mit den gesellschaftlichen Prozessen bewusst oder unbewusst kontinuierlich auseinandersetzen und diese tiefer und wilder analysieren können, als dies etwa Statistiken tun. Mich interessieren prekäre Gleichgewichte und Widersprüche, wegen ihrem möglichen Umschlag in einen anderen Zustand. Etwas, das sich nicht zielgerichtet orientiert, sich nicht quantifizieren lässt, ist wahrscheinlich weniger ausbeutbar.

Die Kassenlaufbänder beziehen sich auf einen Warenfluss, sind jedoch leer und ausgehöhlt. Sie werden durch Gurten in einer steilen Schräglage gehalten und könnten bei einer Materialschwäche durchaus zur Guillotine werden. Ich vertraue blindlings den Mitteln, die gegen die Schwerkraft eingesetzt sind, auch bei der hochgehievten Lift-Türe hinter dem Gitter oder den angelehnten und aufeinandergetürmten Objekten. Wer sagt, dass das immer so bleibt? Alles kommt aus der Bewegung und kann in Bewegung geraten. Ich denke über diese Dinge auf eine plastische Weise nach und will sie und ihre ursprünglichen Ökonomien aus der Balance bringen. Die unbeschriebenen Kassenrollen sind noch nie für eine Addition zur Verfügung gestanden. Ihre aufgerollten Kilometer bergen ein Potenzial, das über Summen hinausgehen kann.

Die Logistik der Objekte ist für mich interessant. Ich kann ihren Wert, ihre Abhängigkeit von Bedingungen, wie der Schwerkraft, und die Überschreitung derselben, ihre Isolation oder Konnektivität verändern. Es ergeben sich fast tektonische Verhältnisse. Masse und Gewicht aber auch Verneinung derselben sind präsent. Ich denke an eine Simulation: ein begehbares Modell, das sich auf die Verbindungen des Menschen zu Werten, zur Verschiebung von Waren, deren Lagerung und deren unablässige Kalkulation bezieht. Eingespannt in diese Verhältnisse in der globalen Welt, können wir nur bedingt operativ eingreifen, wie immer das Steigen und Fallen ausfällt. Es gibt Alternativen, wie wir mit Situationen umgehen, wir können auswählen oder uns bestimmten Abhängigkeiten entziehen.

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