Werkdiskurs unter Kunstschaffenden

Im Gespräch mit Nadia Veronese, Kuratorin Kunstmuseum St.Gallen und Leiterin Kunstverein St.Gallen

Der Werkdiskurs ist ein exklusives Format des Kunstvereins St.Gallen. Der Austausch findet in der Regel im Kunstmuseum statt – aufgrund der aktuellen Situation jedoch im virtuellen Raum. Nadia Veronese gibt mit dieser Plattform Kunstschaffenden die Möglichkeit, sich auszutauschen.

Im Interview verrät sie die Hintergründe und erzählt davon, wie das Format im digitalen Raum weitergeführt wird. 

Was ist der Werkdiskurs für ein Format?


 

Auf Einladung des Kunstvereins St.Gallen treffen sich seit 2018 Kunstschaffende aus der Ostschweiz im Kunstmuseum St.Gallen zu einem Werkdiskurs. Es ist ein offenes Format, in dem Kunstschaffende sich einbringen, ihre Werke im Entstehungsprozess präsentieren oder gemeinsam über bereits realisierte Arbeiten diskutieren. Absicht dieser Reihe ist es, einen Ort des Diskurses und Austausches ausschliesslich für Kunstschaffende im Kunstmuseum anzubieten.

Den Auftakt machte 2018 Wassili Widmer (*1992 Heiden, lebt in Gais und Glasgow). Er liess die Teilnehmenden am Entstehen einer Zeichnungsserie teilhaben, die begleitend zu seiner performativen Praxis einen wichtigen Bezugspunkt ausmacht. Zurzeit des ersten Werkdiskurses studierte Widmer noch an der ZHdK, bevor er im Anschluss seinen Master of Letters Performance mit Auszeichnung an der Glasgow School of Art absolvierte. Seither haben folgende Kunstschaffende im Kunstmuseum einen Einblick in ihr Schaffen gewährt: Claudia Bühler, das Künstlerkollektiv FallerMiethStüssiWeck, Flavio Hodel, Felix Stickel, Jonathan Steiger, Mina Darvish, Julia Kubik, Rita Kappenthuler & Nathan Federer, Felix Stöckle, Hoseyn A. Zadeh und Martina Morger.

Wie findet der Werkdiskurs aufgrund der aktuellen Lage statt?


 

Während der Schliessung des Kunstmuseums war das Interesse gross, den Werkdiskurs als Videokonferenz online durchzuführen. Am 1. April erzählte Felix Bächli (*1996, lebt und arbeitet in Basel) von seiner geplanten Ausstellung, die sich aus der gegenwärtigen Situation entwickelt hatte. Mit Beiträgen von internationalen Kunstschaffenden, die sich in Quarantäne weltweit befinden, eröffnet er die Präsentation im Mai in seiner Basler Wohnung, die für die eingeladenen Teilnehmenden nur per «Zoom» erfahrbar sein wird.

Morena Barra (*1991 Neapel, lebt und arbeitet in St.Gallen und Zürich) präsentierte einen Rohschnitt ihres aktuellen Filmessays, der sich religiösen, kultischen und sozialen Themen in ihrer Geburtsstadt widmet.

Hannah Raschle (*1989 St.Gallen, lebt und arbeitet in Zürich und St.Gallen) gab Einblick in ihre im Januar 2020 an der ZHdK abgeschlossene Masterarbeit: Drei Objekte – ein Stein, ein Eulenpräparat und ein Molekülmodell – erzählen «ihre» eigene Geschichte, absurd, skurril und aufschlussreich zugleich. Dem Werkkonzept liegt ihre Beschäftigung mit Schauvitrinen für den Schulgebrauch und deren naturwissenschaftlichen Anschauungsobjekten zugrunde, die sie in eine vielschichtige Videoarbeit einfliessen liess.

Sebastian Quast (*1997 München, lebt und studiert in München) gab einen Überblick über seine künstlerische Praxis und veranschaulichte sein Konzept über eine Virtual Reality-Präsentation, die er im Rahmen seiner Bachelor-Arbeit Prototypen für Transitsysteme (Arbeitstitel) im Studiengang Kunst und Multimedia an der LMU (Ludwig-Maximilians-Universität München) fertigstellt.

Birgit Widmer (*1964 Flawil, lebt und arbeitet in Gais) diskutierte mit den digital zugeschalteten Kunstschaffenden über die Arbeit When time becomes form –  eine fragmentarische Backsteinmauer aus Pappmaché, die an eine römische Ruine erinnert und die sie im Rahmen ihres Atelierstipendiums in Rom erarbeitet hatte. Ihre neue und sich weiterentwickelnde Installation Talking Shirts besteht aus bestickten, weissen T-Shirts: schwarz gestickte Zitate aus feministischer Literatur, stehen stellvertretend für absurde zwischenmenschliche Kommunikation.

Ist der Austausch auch im virtuellen Raum interessant?


 

Für die Kunstschaffenden ergeben sich in der Diskussion neue Impulse und Ideen. Der Austausch ist durch dieses Format sehr intensiv und äusserst angeregt. Durch die eingeschränkte Mobilität können auch Kunstschaffende an den Werkdiskursen teilnehmen, die sich zurzeit im Ausland befinden, wie z.B. Martina Morger (*1989 Vaduz, lebt und arbeitet in Paris), die im Pariser Atelier der visarte ost in der Cité internationale des arts arbeitet oder Lika Nüssli (*1973 Flawil, lebt und arbeitet in St.Gallen und Belgrad), die sich dank des Atelierstipendiums der KulturstiftungThurgau gegenwärtigin Belgrad aufhält. Zwar entfällt die direkte Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk vor Ort, hingegen haben die Beteiligten einen virtuellen Zugang zum Arbeitsort, zum Atelier, das ein intimer und zurückgezogener Wirkungsort eines Kunstschaffenden ist und nun unbeschwert und unbefangen einsehbar ist.

Sind die aktuelle Lage und die Krise Themen in den Diskursen?


 

Die aktuelle Situation und die persönliche Lage der Kunstschaffenden sind omnipräsent. Der Austausch legt auch die Auswirkungen auf die derzeitige Beschäftigung mit Themen und Hintergründen offen. Viele Kunstschaffende, die sich dank eines Ateliers im Ausland befinden, erfahren die Quarantäne-Situation als einschränkend und befreiend zugleich und haben sich entschieden, ihren Aufenthalt trotz Ungewissheit nicht abzubrechen. Kunstschaffende, die im Ausland studieren oder leben und sich kurzzeitig wieder in die Schweiz begeben haben, erzählen von ihrem derzeitigen Schaffen unter unvorhergesehenen und ungewöhnlichen Umständen. Die eingeschränkte Mobilität wirft jeden Einzelnen verstärkter auf sich selbst zurück. Das Arbeiten im Atelier und in der Isolation wird als sehr produktiv angesehen. Auch sind digitale und virtuelle Plattformen vermehrt im Fokus, als Medium des Austausches oder des Präsentierens.

Hannah Raschle, Ansicht 1-3

 

Sebastian Quast, Werk im Arbeitsprozess