Provenienzforschung
Ausstellungsansicht: Vorwärts in die Vergangenheit, 2024, Foto: Sebastian Stadler
Es ist wesentlich die Aufgabe eines Museums als visuelles Archiv und als Ort der Erinnerung, die Geschichte hinter den ausgestellten Werken zu erforschen und zu vermitteln. Provenienzforschung - von lateinisch proveniere/herkommen - geht der Frage nach, wo sich Kunstwerke oder andere Sammlungsobjekte im Verlaufe ihrer Geschichte befunden haben und wer ihre Eigentümer*innen waren. Ziel ist das Erstellen von Provenienzabfolgen, die möglichst lückenlos die Besitzverhältnissse seit Atelierausgang bis in die Gegenwart aufzeigen. Im Rahmen von Forschungsprojekten werden die Bestände der eigenen Sammlung auf ihre Provenienzen überprüft.
Anselm Feuerbach, Bildnis der Nanna, 1864/65, Öl auf Leinwand, 78 x 60 cm, Sturzeneggersche Gemäldesammlung, erworben 1936. Foto: Sebastian Stadler
Projekte
Provenienzforschung ist eine zeit- und ressourcenintensive Aufgabe. Mit Unterstützung des Bundesamts für Kultur, Bern (BAK), und des Lotteriefonds Kanton St.Gallen konnten in den vergangenen Jahren bereits mehrere Projekte erfolgreich durchgeführt werden. Das Kunstmuseum St.Gallen dankt Bund und Kanton für die kontinuierliche Hilfe und freut sich, diese Partnerschaft in der Provenienzforschung auch in Zukunft fortzuführen
Laufende Projekte
Werke aus dem Vermächtnis Arnold Eversteyn im Kunstmuseum St.Gallen
Forschungsprojekt mit Unterstützung des Bundesamts für Kultur 2025–2026
1967 vermachte Arnold Eversteyn (1876-1967) dem Kunstmuseum einen Teil seiner Sammlung: 48 Werke der bildenden Kunst, die alle vor 1933 entstanden sind. Das vorliegende Projekt untersucht erstmals die Provenienzen dieses bedeutenden Konvoluts – mit besonderem Fokus auf die Zeit der Nazi-Diktatur 1933-1945 – und spürt der Biografie des diskreten Sammlers nach.
Arnold Eversteyn wurde als Sohn eines niederländischen Vaters und einer Schweizer Mutter 1876 in Paris geboren, wo der Vater als Kunsthändler tätig war. Er besuchte die Schulen in Paris, Rorschach und St.Gallen. Als promovierter Elektroingenieur arbeitete er bei der Maschinenfabrik Oerlikon und den Autowerken Arbenz. 1913 heiratete er Claire Grütter (1888–1953) aus St.Gallen, wohin das Ehepaar 1920 übersiedelte und wo Eversteyn fortan als Kaufmann tätig war.
Als Arnold Eversteyn 1967 verwitwet und kinderlos starb, vermachte er grosse Teile seines Nachlasses diversen Institutionen in seiner Wahlheimat: Mobiliar des 18. und 19. Jahrhunderts ging an das Historische Museum, eine umfassende Sammlung ostasiatischer Objekte an das damalige Völkerkundemuseum, sowie Werke der bildenden Kunst an das Kunstmuseum. Darüber hinaus bedachte der Mäzen kulturelle und wohltätige Institutionen und Organisationen mit namhaften Beträgen. Dem Kunstmuseum etwa gingen bedeutende Mittel zur Erhaltung und Renovierung des historischen Museumsgebäudes von 1877 zu.
Das Konvolut aus dem Vermächtnis Eversteyn im Kunstmuseum umfasst Gemälde, Papierarbeiten und Skulpturen. Von besonderer Bedeutung sind etwa eine Gruppe italienischer und niederländischer Meister aus dem 16. und 17. Jahrhundert sowie vorwiegend französische Werke des 19. Jahrhunderts, insbesondere aus dem Umkreis der Schule von Barbizon.
Umstände der Ankäufe und Schenkungen aus der Sammlung Neumann
Forschungsprojekt mit Unterstützung des Bundesamts für Kultur 2022–2024
Das deutsch-jüdische Sammlerpaar Ilse Neumann-Meinhardt (Schwedt an der Oder 1887–1940 Los Angeles) und Robert Neumann (Borzymen 1875–1937 Meran) reagierte rasch nach der Machtübernahme durch die nationalsozialistische Partei und verbrachte noch 1933 einen Teil seiner Sammlung aus Berlin in die Schweiz, um die Werke vor dem widerrechtlichen Zugriff durch die deutschen Behörden zu schützen. Das Ehepaar selbst übersiedelte nach Meran. Die Sammlung wurden mit einer weiteren Lieferung 1936 im Kunstmuseum St.Gallen eingelagert. Nachdem Robert Neumann 1937 in Meran gestorben war, reiste Ilse Neumann nach St.Gallen, um über die Sammlung zu verfügen und mit dem Verkaufserlös ihre «Weiterreise» und eine neue Existenz in den USA zu finanzieren.
Das Forschungsprojekt widmet sich der Untersuchung jener fünf Werke aus dieser bedeutenden Sammlung, welche im Kunstmuseum St.Gallen geblieben sind. Ziel ist es, die Umstände der Ankäufe und Schenkungen detailliert aufzuarbeiten. Die Untersuchung wird momentan bearbeitet und soll neu bis Herbst 2026 vorliegen. Das Projekt trägt dazu bei, die Transparenz und das Verständnis unserer Sammlungsgeschichte zu fördern sowie mögliches Unrecht aufzudecken.
Abgeschlossene Projekte
Werke der Ernst Schürpf-Stiftung im Kunstmuseum St.Gallen
Gemälde der Sammlung Maria und Johannes Krüppel-Stärk im Kunstmuseum St.Gallen
Archivprojekt 2018–2020
Sturzeneggersche Gemäldesammlung (Lotteriefondsprojekt)
Werke aus dem Nachlass Emma Lina Hendel
Sturzeneggersche Gemäldesammlung (BAK-Projekt)
Schweizerischer Arbeitskreis Provenienzforschung
Wissenschaftler*innen aller Sprachregionen der Schweiz aus den Bereichen Museen, Archive und Bibliotheken sowie von Hochschulen und aus dem Kunstmarkt haben sich statuarisch zu einem Verein zusammengeschlossen mit dem Ziel, sich über Provenienzforschung in der Schweiz auszutauschen und ihr Forschungswissen institutionenübergreifend auf nationaler und internationaler Ebene zu teilen.
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